Prof. Fredmund Malik: „Die richtige Corporate Governance“

Auszug aus dem Kapitel „Genügt die Führung der Zukunft? Die grosse Transformation“
Elemente der Transformation (Auszüge)

© malik mzsg

Kopfarbeit


Der Ersatz des manuellen Arbeiters durch den Kopfarbeiter kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es gibt zwei dominierende Vorstellungen, die ich für fraglich halte: Die eine ist die Vorstellung einer High-Tech-Ökonomie, und die andere jene einer Dienstleistungsgesellschaft. Von beidem werden wir wohl etwas mehr haben als bisher, aber nicht wesentlich mehr.

„High-Tech“ macht Schlagzeilen und steht im Zentrum von Aufmerksamkeit, von Interesse und von Ängsten. Der weitaus größte Teil der produzierenden Wirtschaft ist aber noch immer (und wird es auch mit fortschreitender Automatisierung bleiben) Low– und No-Tech. Wovon wir wohl mehr brauchen werden, ist High-Engineering und was vor allem steigt, ist der Wissensgehalt fast aller Tätigkeiten.

Das ist leicht daran zu erkennen, dass für immer mehr Arbeiten, für die noch vor vergleichsweise kurzer Zeit lesen und schreiben zu können eher hinderlich waren, heute ein erhebliches Maß an schulischer, nicht nur handwerklicher Ausbildung nötig ist. Der Maurer von früher konnte seinen Job auf Basis einiger handschriftlicher Skizzen, man konnte sie kaum Pläne nennen, erledigen. Der Maurer von morgen wird wahrscheinlich vor Arbeitsbeginn ein portables CAD-System online über Satellit benützen, um den allerneuesten Planungsstand abzurufen, an dem in seiner Nacht andernorts, wo es Tag war, bis zuletzt real time Pläne geändert und à jour gebracht wurden, oder wo man, wie es indische Software-Ingenieure heute schon tun, in drei Schichten rund um die Uhr arbeitet, um die teuren Ressourcen bestmöglich zu nutzen.

Arbeitslosigkeit
Die Verschiebung vom manuellen Arbeiter zum Kopfarbeiter und eine Reihe anderer in diesem Buch skizzierten Entwicklungen bedeutet noch größere Arbeitslosigkeit als bisher, und zwar für eine längere Zeit und/oder die Notwendigkeit für zahlreiche Menschen zu völliger beruflicher Neuorientierung. Dies ist aber keineswegs, wie viele glauben, eine Folge des Versagens der Wirtschaft; ganz im Gegenteil, ist es eine Folge ihres ungeheuren Erfolges.

Dieser Erfolg hat seinen Ursprung darin, dass es eine genügend große Zahl von Menschen gab, die die verheerenden Irrlehren von Marx und den Marxisten ignorierten und sich die Aufgabe stellten, die Produktivität der manuellen Arbeit stetig zu verbessern. Deswegen ist der Arbeiter auch nicht, wie von Marx prophezeit, verelendet, sondern er ist der neue Mittelstand geworden, der im wesentlichen anständig leben, und seine Kinder in die Schulen und auf die Universitäten schicken konnte. Der Industriearbeiter teilt nun aber das historische Schicksal der früheren landwirtschaftlich Beschäftigten und des Hauspersonals, die in den entwickelten Ländern von ihrer früher dominierenden Majorität zur quantité négligeable geworden sind. Mit dem Arbeiter werden auch die von ihm gegründeten und hundert Jahre die Gesellschaft dominierenden Organisationen untergehen oder sich radikal wandeln müssen – die Arbeiterparteien und die Gewerkschaften.
 
Für die unmittelbar Betroffenen ist das tragisch und muss so gut es geht sozial abgefedert werden muss. Es wird zu großen sozialen Belastungsproben kommen. Die Entwicklung wird zwar nicht aufzuhalten sein, aber ebenso wenig wird zu verhindern sein, dass um jeden Besitzstand erbittert gekämpft wird.

Lohnkosten
Lohndiskussionen und -kämpfe, die heute noch geführt werden, nämlich jene um die Arbeiterlöhne, werden schon bald keine Bedeutung mehr haben, weil diese Löhne nur noch einen marginalen Kostenanteil von vielleicht 5 bis 10 Prozent der Gesamtkosten ausmachen werden. Das sind Quoten, die in den bestorganisierten Fabriken der Welt bereits Tatsache sind. Die Auswirkungen auf Gewerkschaften, Parteienlandschaft und Politik werden erheblich sein. Daraus nun wiederum zu schließen, dass damit die Lohnsummenbelastung sinken werde, ist ebenfalls falsch. Praktisch nirgends ist wegen Computern und Automatisierung die Lohnsumme gesunken. Niedriger ist in einigen Fällen nicht die absolute Lohnsumme, sondern die Lohnsumme bezogen auf die Wertschöpfung, oder auf das bewegte Volumen. Man kann also nach der Computerisierung mehr leisten mit derselben Basis. Dies ist natürlich eine Verbesserung. Was vor allem gesunken ist, ist die Zahl der beschäftigten Personen. Was vor Computerisierung und Automatisierung von vielen, aber relativ billigen, manuellen Arbeitskräften geleistet wurde, wird danach von zwar viel weniger, dafür aber umso teureren Kopfarbeitern geleistet. Die klassische Stahlerzeugung benötigte viele, aber vergleichsweise billige Stahlarbeiter. Ein modernes Stahlwerk braucht nur noch wenig Personal insgesamt und davon nur einen verschwindenden Anteil an klassischen Stahlarbeitern. Die anderen „Wenigen“ sind hochqualifizierte und sehr teure Kopfarbeiter – Spezialisten, wie Computeroperateure, Metallurgen und Prozessingenieure, deren Ausbildung allein oft mehr gekostet hat, als die Kapitalausstattung eines Arbeitsplatzes.

Die neue Wirtschaft wird somit auch nicht mehr den ökonomischen Theorien entsprechen, die wir heute haben, die aber Theorien für die Wirtschaft der letzten 100 Jahre sind. Eine der Grundlehren aller Wirtschaftstheorien ist, dass eine Wirtschaft, eine Branche, ein Unternehmen entweder kapitalintensiv oder arbeitsintensiv sei, aber niemals beides gleichzeitig. So war es auch in den letzten 100 Jahren. Diese Theorien stimmten also. Sie sind jetzt aber dabei, falsch zu werden. Die moderne Wirtschaft wird beides gleichzeitig sein.

Prof. Fredmund Malik: „Die richtige Corporate Governance“
Zur Neuauflage:
Kritiklos-naive Propagierung und Übernahme des US-Modells der Corporate Governance sowie falsche Wirtschaftstheorien haben die geschichtlich größte Fehlsteuerung von Management, Unternehmensführung und Wirtschaft verursacht. Ungezählte Consulting Firmen aller Art und große Teile von Akademia haben zur Verbreitung und Legitimierung falscher Orientierungsgrößen, falscher Strategien und falscher Personalpolitik beigetragen. So ist eine reduktionistisch-geldgetriebene Karikatur von Unternehmensführung entstanden, welche die entscheidende Ursache von Unternehmens- und Finanzkrisen ist.

Maliks Hauptthese lautet: Die gängige Auffassung von Corporate Governance ist falsch und bedarf einer radikalen Neuorientierung. In diesem Buch entwickelt er die neuen ganzheitlichen Lösungen für funktionierendes Top-General-Management. Er definiert die Schlüsselaufgaben der Spitzenorgane, entwirft die Regeln ihres verlässlichen Funktionierens sowie die Grundsätze für richtige oberste Personalentscheidungen. Malik beschreibt die große Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft, behandelt die Herausforderungen für die oberste Führungsebene und zeigt, wie diese organisiert sein muss, um in der Komplexitätsgesellschaft des 21. Jahrhunderts richtig zu handeln.

Zur Person: Prof. Dr. Fredmund Malik gehört zu den führenden Management-Vordenkern in Europa. Seine Malik WholisticManagement Systems® sind weltweit die höchstentwickelten kybernetischen Tools für Selbstregulierung und Selbstorganisation komplexer Organisationen.
 
Malik ist mehrfacher Bestseller-Autor und erfolgreicher Unternehmer als Gründer, Inhaber und Chef des Malik Management Zentrum St. Gallen mit dem weltweit grössten Team von rund 300 General Management Experten in St. Gallen, Zürich, Berlin, Wien, London, Shanghai und Toronto.

„Fredmund Malik ist der führende Analytiker und Experte des Managements in Europa- wie es sich in den vergangenen 30 Jahren entwickelt hat. Als Berater hat er Management zudem massgeblich gestaltet. Er ist die dominierende Figur- in der Theorie als auch in der Managementpraxis“, Zitat von Peter Drucker, Doyen der Managementlehre.

Malik Management Zentrum St. Gallen, Consulting & Education,

Geltenwilenstrasse 18, 9001 St. Gallen

Tel.: +41 71 274 34 57, Fax: +41 71 274 34 99, http://www.malik-mzsg.ch


Aktuell
  •     

Agenda
Zuletzt aktualisiert
Neue Dokumente