Lothar Seiwert - Teil II

Welches Gefühl will ich haben, wenn ich in zehn, 20 oder gar 50 Jahren auf mein Leben zurückblicke?
Das Modell der Work-Life-Balance

Unter der einseitigen Überbetonung des Berufs leidet auf Dauer automatisch das persönliche Wohlbefinden und die Gesundheit; entsprechendes gilt für die privaten Kontakte und Beziehungen. Hier mag vielleicht mancher einwerfen: Soll ich mich beruflich denn nicht stark engagieren? Doch! Selbstverständlich ist in bestimmten Lebensphasen oder „wenn’s brennt“ oft eine Verlagerung des Gleichgewichts in Richtung „Arbeit und Leistung“ nötig. Probleme entstehen aber, wenn diese Verschiebung von Dauer ist.

Halt, wird hier vielleicht mancher einwerfen: Bei mir nicht! Ich nehme mir regelmäßig Zeit für meine Familie und meine Freunde. Außerdem treibe ich zwei Mal pro Woche Sport, um meine Gesundheit zu fördern. Das Problem ist nur: Viele Menschen übertragen das Leistungsprinzip, dem sie in ihrer Arbeit huldigen, auf ihr Privatleben. Deshalb joggen sie zum Beispiel eine halbe Stunde mit hochrotem Kopf durch die Stadtparks. Dabei wäre es zum Fördern ihrer Gesundheit wichtig, „lang und langsam“ zu laufen. Auch im Kontakt mit ihrer Familie oder Freunden suchen sie stets den besonderen Kick. Sie merken nicht, dass sie deshalb zum Beispiel bei ihrer Familie nie „ankommen“. Mit ihrer Seele weilen sie stets noch beim letzten Termin, oder sie sind bereits beim nächsten. Sie können den Fuß nie vom Gaspedal nehmen und einmal gezielt „entschleunigen“. Sie entdecken nie die kreative Kraft der Langsamkeit für sich, und gelangen nie zu einer gesunden Work-Life-Balance zwischen den vier Lebensbereichen
  • „Arbeit/Leistung“,
  • „Familie/Kontakte“,
  • „Körper/Gesundheit“ und
  • „Sinn“.
Diese Balance kann man finden, wenn man eine Lebensvision für sich entwickelt, die alle vier genannten Ebenen umfasst. Doch wie gelangt man zu einer solchen Vision? Um diese zu entwickeln, müssen Sie sich zunächst Zeit nehmen und sich in aller Ruhe fragen:

  • Was will ich?
  • Was kann ich?
  • Welches Gefühl will ich haben, wenn ich in zehn, 20 oder gar 50 Jahren auf mein Leben zurückblicke?
Nur indem Sie sich Zeit nehmen, können Sie eine Lebensvision für sich entwerfen. Wenn Sie diese dann, sozusagen als Leitbild für ihr Leben, schriftlich fixieren, haben sie den ersten Schritt zu einem erfüllteren Leben oder ausgewogenen Work-Life-Balance getan.

Der zweite Schritt besteht darin, dass Sie sich überlegen, welche „Lebenshüte“ Sie tragen. Das heißt, welche Rollen Sie in Ihrem Leben erfüllen. Schließlich haben Sie nicht nur einen Beruf. Sie sind auch Kollege, Chef, Vater, Pressewart, Sohn, Ehemann, Freund, Elternsprecher, Kegelbruder, Sänger oder Tennispartner - um nur einige mögliche Rollen zu nennen. Sind Sie sich über Ihre Rollen klar, können Sie sich weiter fragen:
  • Welche Rollen wurden mir von anderen auferlegt?
  • Für welche habe ich mich bewusst entschieden?
  • Welche will ich künftig ablegen?
Mein Tipp: Versuchen Sie die Zahl der Hüte, die Sie auf Ihrem Kopf tragen, auf sieben zu beschränken.

Haben Sie so Ihre Lebensvision formuliert und die Zahl der „Hüte“ auf Ihrem Kopf, müssen Sie Ihre Lebensvision realisieren. Dies gelingt Ihnen nur, wenn Sie sich nicht nur Jahres-, Monats- und Wochenziele, sondern auch Tagesziele setzen. Nur so können Sie sich auf das Ihnen wirklich Wichtige konzentrieren, statt sich auf Nebenschauplätzen zu verzetteln und Schritt für Schritt Ihre Lebensvision realisieren.

Mancher mag nun vielleicht einwerfen: Aber ich betreibe doch bereits seit Jahren ein solches Zeitmanagement, und trotzdem bin ich nicht zufrieden. Richtig! Denn alles Planen ist sinnlos, wenn ihnen eine Lebensvision fehlt. Dann planen Sie zwar Ihre beruflichen Aktivitäten, oder dass Sie morgen zum Finanzamt gehen und übermorgen einen Handwerker bestellen müssen. Dies ist jedoch ein Arbeitsplan und kein Lebensplan, weil darin, nicht die drei anderen Lebensbereiche „Körper/Gesundheit“, „Sinn“ und „Familie/Kontakte“ angemessen berücksichtigt sind. Folglich kommen Sie da mit Ihrem eigentlichen Lebensziel, ein erfülltes Leben zu führen, auch nicht näher.

Ein „Work-Life-Balancer“ ist daher jeder Mensch, der ein er-fülltes statt ge-fülltes Leben führt und der durch sein heutiges Handeln dafür sorgt, dass er auch morgen - mit großer Wahrscheinlichkeit - glücklich und zufrieden ist. Das klingt einfach, ist es aber nicht! Denn auf Dauer können wir nur ein glückliches und erfülltes Leben führen, wenn unsere vier Lebensbereiche „Arbeit/Leistung“, „Körper/Gesundheit“, „Familie/Soziales“ und „Sinn/Kultur“ in der rechten Balance zueinander stehen. Sobald wir einen Bereich über einen längeren Zeitraum vernachlässigen, gerät unser Leben aus dem Gleichgewicht. Work-Life-Balance bedeutet aktive Lebensgestaltung für ein Leben in Balance.


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